
Jetzt möchte ich paar Jahrhunderte früher beginnen und ins Mittelalter zurückkehren. Ich möchte mich auf den mittelalterlichen Bulgaren konzentrieren. Ich glaube aber nicht, dass die Situation viel unterschiedlicher bei den ihm benachbarten Völkergruppen war...
Noch bevor das Christentum vom bulgarischen khan Boris I angenommen wird (863-865) spielt der Glaube eine wesentliche Rolle im Leben des mittelalterlichen Bulgaren. Er sucht Gott (was auch immer er unter dem Begriff "Gott" verstanden hat) überall, er sucht das Göttliche in allen Naturprozessen und -phänomenen und das bezieht sich nicht nur auf den durchschnittlichen Bulgaren sondern auch auf die Herrscher. Er suchte nach Vorsehungszeichen, die ihm zeigen, ob er auf dem richtigen Weg ist oder nicht. Das, was für ihn erstrangig war, war das Wissen: Handle ich richtig oder falsch? Werde ich für meine Taten belohnt oder bestraft? Aus diesem Grund gab es bei den heidnischen Bulgaren Schamanen, die die Verbindung zwischen dem einfachen Menschen und den göttlichen Kräften erstellten. Gerade diese erstrangige Position des Glaubens des mittelalterlichen Bulgaren war auch der Grund, warum es so wichtig für ihn war, dass der Ursprung des Herrschers als göttlich bewiesen wird. Und das wiederum erklärt, warum die Staatsideologie zu den damaligen Zeiten so war wie sie war: Staat, Religion, Gesetzgebung, Recht waren eins und waren in den Händen einer einzelnen Person - des Herrschers.
Warum glaubten aber die Menschen zu der Zeit so stark in diese göttlichen Kräfte? Die Antwort auf diese Frage ist ganz einfach: Sie brauchten es! Den ersten Grund habe ich schon erwähnt: Sie brauchten jemanden, der ihnen zeigt, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Der zweite Grund (unmittelbar mit dem ersten verbunden) drückt sich in ihrer Angst aus. Zum Einen ist das die Angst vor der unkontrollierbaren Natur, zum Anderen - die Angst vor einer fremden Herrschaft. Die unruhigen Zeiten, zu denen Eroberung und Unterwerfung, Siege und Niederlage eine eher häufige Erscheinung für den mittelalterlichen Menschen waren, bestimmten sein Bedürfnis etwas bzw. jemanden zu haben, zu dem sie auch beten können. Bei den Naturprozessen war es genau so. Sie wussten nicht, was sie erwartet. Sie konnten bestimmte Naturprozesse (Erdbeben, Sturm usw.) nicht vorhersagen und das führte zu Unsicherheit und Hilflosigkeit. Und was macht man, wenn man sich hilflos und unsicher fühlt? Wenn niemand sicher stellen kann, dass es einem gut gehen wird und alles in Ordnung sein wird? Wenn man niemanden hat, der all das versprechen kann? Ganz einfach - man schafft diesen "jemanden" selber!
Also, zurück zu der ursprünglichen Frage: Woran glaubte der Mensch in der damaligen Zeit? Glaube - ja! An wen oder was? Sicherlich nicht an sich selber! Glaube an jemanden anderen, etwas anderes, das außer ihm steht - an den Herrscher göttlichen Ursprungs, an irgendwelche göttlichen Kräfte...aber sicherlich nicht an sich selber! Man verlässt sich auf die Hinweise, die das Göttliche (egal in welcher Form und Gestalt) gibt und richtet seinen Weg und sein Leben danach.
Wäre es übertrieben von "AAA" im Mittelalter zu reden - Angst, Abhängigkeit, Anbetung?